04.09.2020

Wir brauchen ein fortschrittliches Jagdgesetz

Das revidierte Jagdgesetz kommt am 27. September 2020 vors Volk. Auf dem Buchserberg erklären die Revier Jagd St. Gallen, der St. Galler Bauernverband, die Alpwirtschaftskommission und der St. Gallische Schafzuchtver-band, warum das neue Gesetz für die Landwirtschaft wichtig ist.

v.l.n.r. Jules Mullis, Markus Hobi, Martin Keller mit Herdenschutzhund Grizzly, Peter Nüesch

In der Landwirtschaft treten häufig Konflikte zwischen Grossraubtieren und landwirtschaftlichen Nutztieren auf. Die Schlagzeilen nehmen nicht ab und die letzten Wochen belegen, dass schweizweit mehrere Hundert Schafe und Kälber durch Wölfe gerissen wurden. Verluste, die emotional und finanziell bewältigt werden müssen. Das neue Jagdgesetz schafft klare Regeln für die Regulation geschützter Arten durch die Wildhüter der Kantone und erhöht die Sicherheit für Tier, Natur und Mensch.

Kein Abschussgesetz

«Das revidierte Jagdgesetz ist kein Abschussgesetz» erklärt Jules Mullis, Vizepräsident Revier Jagd St. Gallen, «auch der Artenschutz ist stark berücksichtigt. Das geht in der aktuellen Diskussion leider unter». Mit dem neuen Gesetz werden Zugvogelreservate, Schutzgebiete und Wildtierkorridore gefördert. Der Bund leistet wesentliche Beiträge für die Aufwertung der Lebensräume für Wildtiere und der Stabilisation der Ökosysteme. In der Schweiz leben auch künftig über 300 geschützte Tierarten. Mit dem neuen Gesetz kommen zwölf geschützte Tierarten neu dazu. Tiere abschiessen darf ohnehin nicht jeder. Jägerinnen und Jäger absolvieren eine anspruchsvolle Ausbildung. Diese dauert 1.5 Jahre und wird in drei Teilen geprüft und jährlich muss ein persönlicher Treffsicherheitsnachweis vorgelegt werden. Jäger sind nicht nur auf der Jagd. Sie helfen auch bei Wildunfällen auf der Strasse oder kranken Wildtieren, dafür sind sie 365 Tage im Jahr, zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar.

Wir sind bereit Kompromisse einzugehen
Der Herdenschutz wird im neuen Gesetzesentwurf stark gewichtet. So werden nur noch Wolfsrisse entschädigt, wo vorgängig ein zumutbarer Herdenschutz betrieben wurde. «Der Herdenschutz ist keine einfache Sache», erklärt Martin Keller, Präsident des St. Gallischer Schafzuchtverband. Es gibt die Möglichkeit mit elektrischen Zäunen, Her-denschutzhunden oder Hirten. Diese haben aber auch ihre Grenzen. In schwer zugänglichem Gebiet können bei-spielsweise keine elektrischen Zäune installiert werden und in touristisch hochfrequentierten Gegenden machen Herdenschutzhunde keinen Sinn. Was dazu kommt, Wölfe sind clevere Jäger. Sie lernen schnell: Einmal begriffen, umgehen sie die Massnahmen kinderleicht.

Nicht «Anti – Wolf»

Die Pro Seite des Jagdgesetzes ist nicht gegen den Wolf. Die Parteien sind sich einig, dass der Wolf in den Schweizer Wäldern lebt und die Bestände erhalten bleiben müssen. Jedoch muss eine Möglichkeit geschaffen werden, wenn Rudel oder einzelne Tiere Probleme bereiten. Mit einer Regulation will man gesunde Tierbestände in ihren Lebens-räumen erreichen. Wölfe dürften gemäss neuem Gesetzesentwurf nur von kantonalen Stellen, sprich den Wildhü-tern, reguliert werden. Mit der kommerziellen Jagd hat die Wolfsregulation nichts zu tun. Dass eine massvolle Regulation funktioniert und sinnvoll ist, sieht man am Beispiel des Steinbocks. Seit Jahrzehnten wird die geschützte Tier-art massvoll reguliert. Die Steinbockbestände sind so hoch wie noch nie und wachsen weiter an.

Alpen verwildern

Die Schweiz ist für ihre Berglandschaft bekannt. Dazu tragen auch die vielen Nutztiere bei, die mit ihrem Weidegang die Landschaft pflegen. «Wird keine Lösung für den Umgang mit der wachsenden Wolfspopulation gefunden, brin-gen Bauern ihre Tiere nicht mehr auf die Alpen», befürchtet Markus Hobi, Präsident der Alpwirtschaftskommission des Kantons St. Gallen. Tierbesitzer wollen ihre Tiere nicht einer dauernden Wolfsgefahr aussetzen. Der emotionale und finanzielle Schaden ist zu gross. Das Kulturland droht zu verbuschen, die Pflanzenvielfalt nimmt ab und die Gefahr von Hangrutschungen steigt an.

Abgelehnt ist nicht aufgehoben

Wird das neue Jagdgesetz am 27. September abgelehnt, werden in vielen Gebieten keine Schafe, Ziegen, Rinder und Kühen mehr gealpt. Eine Ablehnung des Jagdgesetzes löst das Problem nicht. Die Land- und Alpwirtschaft sowie die Tierhalter erwarten eine Lösung für den Umgang mit dem Wolf. Die Koexistenz von Mensch, Haustieren, den landwirtschaftlichen Nutztieren und den Wildtieren funktioniert nur, wenn gewisse Regeln eingehalten werden. Das neue Jagdgesetz passt diese Regeln an und sichert so ein geregeltes Miteinander auf gleichem Territorium.